Dank Eichenförderung lebt jeder fünfte Mittelspecht im Thurgau
Thurgau – Der Thurgau verfügt nur gerade über zwei Prozent der gesamten Waldfläche der Schweiz. Aber dank der gezielten Eichenförderung leben 20 Prozent der gefährdeten Mittelspechte im Thurgau. - Informationsdienst
Mathias Müller, Biologe der Vogelwarte Sempach, präsentiert ein Pärchen der seltenen Mittelspechte vor einer Eiche im Romanshorner Wald. (Bild: zvg)
Im Gegensatz zum bekannten und weit verbreiteten Buntspecht ist der Mittelspecht eine kleinere, unscheinbare Spechtart, die aufgrund ihrer speziellen Anforderungen an den Lebensraum selten geworden ist (Rote Liste: «verletzlich»). Wie Mathis Müller, Biologe der Vogelwarte Sempach, an der Sommermedienfahrt des Forstamtes Thurgau im Romanshorner Wald ausführte, ist der Mittelspecht bei der Nahrungssuche auf alte Eichen angewiesen. Im Gegensatz zu anderen Spechtarten ernährt er sich auch im Winter von tierischer Nahrung. Diese findet er in der groben und schrundigen Borkenrinde alter Eichen.
Von rund 600 Pärchen des Mittelspechts in der gesamten Schweiz leben gemäss Müller 20 Prozent im Thurgau. Davon hätten sich, wie Untersuchungen im Jahr 2005 zeigten, acht bis zehn allein im Romanshorner Wald etabliert. Der Vogelschutz unterstütze die langfristigen Massnahmen zur Vernetzung der Mittelspecht-Population zwischen Romanshorn, entlang des Seerückens bis Diessenhofen und ins Zürcher Weinland. Die Vernetzung sei wichtig, um kleinen Populationen eine Überlebenschance zu geben. Da die Mittelspechte jedes Jahr eine neue Höhle bauten, könnten sie nur eine Brut jährlich aufziehen. Das nasskalte Wetter mit tiefen Temperaturen in diesem Frühjahr hätten einige Bruten nicht überlebt.
Eichenwälder gehörten neben den Auenwäldern zu den artenreichsten Lebensräumen, betonte Müller. Rund die Hälfte der etwa 40 000 Tier- und Pflanzenarten der Schweiz lebe in Wäldern, ein grosser Teil davon in Eichen-Hainbuchenwäldern. Die ökologische Bedeutung dieser Eichenwälder sei sehr gross. Der Naturschutz freue sich darüber, dass im Thurgau so viele Waldreservate ausgeschieden würden. Vielleicht komme dadurch sogar der nur noch sehr selten vorkommende Hirschkäfer, die einst grösste Käferart in der Schweiz, wieder in den Thurgau.
Kantonsforstingenieur Paul Gruber bezeichnete den Romanshorner Wald mit dem hohen Bestand an alten Eichen als eine Perle. Rund 20 Prozent des Thurgauer Waldes seien auf die Förderung der Biodiversität ausgerichtet. Eichenwälder gehörten seit Jahrhunderten zur Thurgauer Landschaft. Schon im Mittelalter sei die Eiche als geschätztes Naturholz gefördert worden. Über Jahrhunderte hätten die Früchte der Eichen eine wichtige Rolle bei der Aufzucht von Schweinen gespielt und deshalb zur besonderen Bewirtschaffungsform des Mittelwaldes beigetragen.
Forstingenieur Urban Hettich erläutert die Massnahmen für die Förderung der Eichenbestände im Kanton Thurgau. (Bild: zvg)
In den heutigen, von Buchen dominierten Laubmischwäldern könne sich die Eiche aber nur erhalten, wenn sie vom Menschen unterstützt werde. Das Forstamt Thurgau habe darum, in Zusammenarbeit mit dem Bund, die Erhöhung des Eichenanteils als wichtiges forstliches Ziel festgesetzt. Zu diesem Zweck habe das Forstamt auch eine spezielle Broschüre über die Eichenförderung im Thurgau erarbeitet. Verfasst wurde sie vom ehemaligen Kreisforstingenieur Hans Nussbaumer, der darin seine über 40-jährige Erfahrung in der Förderung der Eichenbestände einfliessen liess.
Gemäss Forstingenieur Urban Hettich, verantwortlich für den Fachbereich Walderhaltung und Biodiversität, sind im Kanton Thurgau momentan knapp 1400 Hektaren Waldfläche für die Eichenförderung (Waldreservate und Eichenvorrangflächen) ausgewiesen. Dies entspreche sieben Prozent der gesamten Waldfläche des Kantons. Angestrebt werde ein Anteil von rund zehn Prozent.
Als konkrete Massnahmen nannte Hettich die Ausscheidung von Waldreservaten (Schutzbestimmung mit Laufzeit von 50 Jahren), Beiträge für die Durchforstung des Waldes zu Gunsten des Eichenwachstums und das Anpflanzen neuer Bestände sowie die Schaffung von Eichenvorrangflächen. Bei dieser auf 30 Jahre abgeschlossenen Vereinbarung verpflichteten sich die Waldbesitzer, die alten Eichen zu erhalten (Nutzungsverzicht), bis der Nachwuchs sichergestellt sei. Insgesamt ergäben sich durch die Massnahmen jährliche Aufwendungen für den Kanton Thurgau von 240 000 Franken, was den Kosten von fünf SMS pro Einwohner entspreche.
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