Kreuzlingen – Anlässlich des Flüchtlingstags wurde im Ulrichshaus die Situation von anerkannten Flüchtlingen dargelegt sowie über effektive Integrationsmöglichkeiten gesprochen. - Emil Keller
Eva Koebel (l.) und Jana Sahan zeigen, dass es mit all den Problemen nicht leicht ist, eine neue Sprache zu lernen. (Bilder: ek)
Mann und Frau, je in urchigen Schweizer Trachten, geben auf ihren Alphörnern einige Stücke zum besten. Musik, die zur Schweizer Kultur gehört, im Ausland aber wohl mehr Aufmerksamkeit geniesst als im eigenen Land. Soll das Alphorn-Duo Braun für Flüchtlinge als Symbol einer vollständigen Integration dienen? Oder reicht es schon sich auf Deutsch verständigen zu können?
Der Verein «Fremde und Wir» aus Kreuzlingen veranstaltete anlässlich des Flüchtlingstags im Ulrichshaus einen Referateabend unter dem Motto «Flüchtlinge müssen alles zurücklassen, ausser ihrem Talent». Verschiedene Persönlichkeiten sprachen über ihre Erfahrungen mit Flüchtlingen. Besonderes Augenmerk legte man an diesem Abend auf die Gruppe von anerkannten Flüchtlingen. Ihr Leidensweg ist nach den Aufnahmeverfahren in Asyl-Empfangsstellen noch nicht zu Ende. Von ihnen wird erwartet, so schnell wie möglich selbständig zu werden, eine neue Sprache und fremde Sitten zu erlernen und sich daneben am besten noch im Dorfverein zu engagieren. Die Situation ist aber meist nicht einfach. Eine ablehnende Haltung der Bevölkerung und perspektivlose Arbeiten erschweren den Einstieg ins eigene Leben. Dennoch schaffen es viele mit Engagement und Hilfe durch Dritte in die Selbständigkeit.
Sicht der Politik
Die einleitenden Worte des Abends kamen vom neuen Präsidenten des Regierungsrats, Jakob Stark. Auch als Mitglied der SVP lasse ihn das Thema keineswegs kalt. Es sei wünschenswert, dass aufgenommene Flüchtlinge ihren Lebensunterhalt selbst verdienen können. «Das ist der entscheidende integrative Schritt», so Starks Lösung des Problems. Um dies zu erreichen erinnerte er aber an die Eigeninitiative der Flüchtlinge. «Man muss in der Asylpolitik nicht immer nur Probleme, sondern auch deren Chancen sehen», betonte Stark und bekräftigte seine Aussage mit einigen Schweizer Konzernen wie Nestle und ABB, welche von ehemaligen Flüchtlingen gegründet wurden.
Als Oberhaupt einer Stadt mit 49 Prozent Ausländeranteil weiss auch Stadtammann Andreas Netzle um ihr Potential. «Gemeinsam haben wir Kreuzlingen gross gemacht», und spannte den Bogen gleich noch zum Fussball und Gelson Fernandes, welcher sein Talent für die Schweiz einsetzt.
Sicht der Helfer
«Das Thema Asyl ist immer negativ behaftet», weiss Susanne Ammann, Immigrationsbeauftragte der Caritas Thurgau und wünscht sich, dass differenzierter an das Thema rangegangen wird. Das Ziel sei, dass Flüchtlinge nach fünf Jahren unabhängig leben können. Die Situation sei oft schwierig, aus Erfahrung wisse sie aber, dass das Interesse, eine eigene Zukunft aufzubauen gross ist. «Integration kann jedoch nicht nur von einer Seite entstehen», bemerkte Ammann und appellierte an Unternehmen und die Bevölkerung, Perspektiven zu schaffen und Fremden eine Chance zu geben. Auch warnte sie vor kommenden Gesetzesvorstössen zur weiteren Verschärfung des Asylrechts, welche unfair und realitätsfremd seien.
Ein konkretes Mittel Immigranten zu helfen, stellte Rita Bausch, Leiterin des Kaffeetreffs AGAthu in Kreuzlingen vor. Mithilfe eines Gotte und Götti Prinzips hat sie schon einigen Flüchtlingen den Einstieg ins Schweizer Alltagsleben ermöglicht. Bausch zeigte auf, wie sie Titus aus Nigeria helfen konnte, als er vor 17 Jahren als politisch Verfolgter in die Schweiz kam. Als Student aus seinem Land vertrieben, war er in der Schweiz ein Niemand ohne nachweisbare Bildung. Bausch ermöglichte ihm in einer Privatschule Deutsch zu lernen. Er erlangte die Matura, studierte Pharmazie und hat heute Arbeit und eine Familie. «Ich habe Zeit und Geld investiert», erklärte Bausch, «das Wichtigste für die Flüchtlinge ist aber, dass jemand an sie glaubt und will, dass ihr Leben gelingt.»
Ein bei den Vorträgen oft angesprochenes Kriterium für eine erfolgreiche Integration sei das Erlernen der Sprache. Eva Koebel und Jana Sahan von der HEKS-Infra zeigten die Chancen ihrer Sprachkurse auf. Sie versinnbildlichten die Situation der Flüchtlinge. «Flucht, Einsamkeit und Ungewissheit bilden zusammen eine Mauer von Problemen», wie Koebel eindrücklich zeigte. Die Sprache würde die Probleme nicht lösen, Flüchtlinge können dadurch aber aufblühen und die Schwierigkeiten anpacken.
Sicht eines Flüchtlings
Amir Behrouz, welcher 1992 aufgrund seines politischen Engagements aus dem Iran fliehen musste, berichtete von gleichen Hindernissen bei seiner Ankunft in der Schweiz. Nach traumatisierenden Erlebnissen in seiner Heimat und seiner Flucht durch den Irak, musste auch er bei Null anfangen. «Ich hätte mir mehr Unterstützung gewünscht», erklärte er in lupenreinem Deutsch. Und nachdem er gerade die letzte Hürde Schweizer Pass gemeistert hat, vekündete er schelmisch sein nächstes Ziel: den Gemeinderat von Kreuzlingen.
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