Weinfelden – Der Thurgauer Fürsorgeverein für Gehörlose feierte das 100-jährige Jubiläum. Dank dem Pioniergeist des Vereins wurden Gehörlosen die Schultüren geöffnet. - Rudolf Käser
Gehörlose applaudieren mit winkenden Händen. (Bild: zvg)
Vor 100 Jahren wurde im Weinfelder Gasthaus zum Trauben der Thurgauische Fürsorgeverein für Taubstumme gegründet. Am Gründungsort feierte der inzwischen auf den Namen Thurgauischer Fürsorgeverein für Gehörlose umbenannte Verein das 100-jährige Jubiläum. Im Traubensaal blickten am 3. Adventssonntag gegen 250 Gehörlose und Gäste auf die bewegende Geschichte.
Verein noch heute dringend Bruno Schlegel, Präsident des Schweizer Verbandes für Gehörlose (sonos), wies auf die Pionierrolle hin, welche der jubilierende Verein lange vor seiner Gründung ausübte. Damals sei noch keine Selbstverständlichkeit gewesen, dass Gehörlose eine Schulbildung erhielten. Doch in den ersten Statuten wurde festgehalten: «Sämtlichen Taubstummen und schwerhörigen Kinder im Kanton soll die Wohltat einer guten Schulbildung und Erziehung zuteil werden.» Schlegel wies auf die neuesten Errungenschaften hin wie Sonderpädagogik, die Technik mit der Entwicklung von leistungsfähigen Hörgeräten und Hörimplantaten, welche die Erlernung der Lautsprache erleichterten. «Es braucht den Thurgauischen Fürsorgeverein für Gehörlose heute noch so dringend wie vor 100 Jahren, wenn auch für andere Hilfeleistungen», folgerte er.
Über 50 Jahre Einsatz Heute unterhält der Verein drei Schulen. In Romanshorn, Frauenfeld und Märstetten werden über 130 Schülerinnen und Schüler geschult. Erich Germann, Vorstandsmitglied, lobte die Schulbildungsangebote. «Hier ist etwas entstanden, was heute noch Zukunft hat.» Verdiente Ehrung liess Germann gegenüber Werner Wiedmer zukommen. Dieser habe volle 35 Jahre als Kassier des Fürsorgevereins gewirkt. Grosse Ehrung wurde Pfarrer Walter Spengler zuteil. Der Präsident des Thurgauer Fürsorgevereins, Pfarrer Lukas Weinhold, würdigte ihn. Während 53 Jahren habe er im Vorstand gewirkt, davon 50 Jahre als Präsident. «Der Vorstand hat beschlossen, Walter Spengler zum Ehrenpräsidenten zu ernennen.»
Feine Jubiläumsschrift Für Stimmung sorgte Pfarrer Achim Menges mit der Vorführung von Videos mit Weihnachtsliedern. Dabei zeigte er auf, wie weit Hörbehinderte dank der Gebärdensprache auch an musikalischen und gesanglichen Klängen auf ihre Art teilhaben können; der Applaus der Hörbehinderten bewies das eindrücklich.
Ein weiterer Höhepunkt bildete die Vorstellung und Verteilung der fein und umfassend gestalteten Jubiläumsschrift. Walter Spengler hat darin seinen eigenen breiten Fundus und derjenige aus den Archiven zu einem faszinierenden Werk gefasst. Das regte Kirchenratspräsident Wilfried Bührer zur Feststellung an, dass ihm aufgrund der Broschüre aufgefallen sei, wie viele Leute sich sehr lange für Gehörlose eingesetzt haben. «Dabei entwickelten sich viele Freundschaften – echte Freundschaften.»
Stimmungsvoller Gottesdienst Vorgängig des Jubikläumsanlasses feierten Gehörlose mit Kirchgängern ohne Behinderung in der evangelischen Kriche Weinfelden einen stimmungsvollen Advents-Gottesdienst. Gestaltet wurde dieser von Ortspfarrer Richard Häberlin, dem Gehörlosenseelsorger Achim Menges und dem Gebärden-Gospelchor.
Gratulationen und Komplimente erhielt der Thurgauische Fürsorgeverein dabei von Regierungsrätin Monika Knill. Sie lobte den Pioniergeist, welchen der Verein entwickelte. «Der Verein hat vor 100 Jahren erreicht, dass auch die Leute mit Hörbehinderung ein Anrecht auf Bildung haben.»
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