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Mo. 19. Juli 2010 - 09:54 Uhr
Restauration mit überraschender Entdeckung

Frauenfeld – Einblick in die Restauration eines besonderen Leckerbissens des Historischen Museums Thurgau am Donnerstag, 15. Juli, zu erhalten: Museumsdirektor René Schiffmann sowie die Restauratorin Janina Hauser erläuterten die Arbeiten am prachtvollen goldenen Vortragekreuz aus der Kartause Ittingen. Dabei kam eine besondere Überraschung zum Vorschein. - Informationsdienst

Einblick in die Restauration des Ittinger Vortragekreuzes: Restauratorin Janina Hauser zeigt die Stelle am Korpus, wo ein geheimnisvolles Reliquien-Päckchen entdeckt wurde. (Bild: zvg)
 
Einblick in die Restauration des Ittinger Vortragekreuzes: Restauratorin Janina Hauser zeigt die Stelle am Korpus, wo ein geheimnisvolles Reliquien-Päckchen entdeckt wurde. (Bild: zvg)

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Das Ittinger Vortragekreuz gilt als eine der interessantesten Goldschmiedearbeiten der Frühgotik im schweizerischen Museumsbesitz. Es sei einer der seltenen Momente in der Geschichte des Museums, dass ein solches Prunkstück der Öffentlichkeit genauer vorgestellt werden könnte, betonte Museumsdirektor René Schiffmann einleitend. Die Restauration, die durch eine Anfrage um Ausleihe für die Sonderausstellung «Gold – Schatzkunst zwischen Bodensee und Chur» des vorarlbergischen Landesmuseums in Bregenz ausgelöst worden sei, habe in eine spannende und längere Geschichte ausgelöst, die immer noch nicht beendet sei.

Das Ittinger Vortragekreuz diente zur Zeit des Klosters bis zur Auflösung im Jahr 1848  liturgischen Zwecken. In der Liturgie der katholischen Kirche werden Vortragekreuze bei Prozessionen, Wallfahrten Begräbnisfeiern, Grabsegnungen, aber auch beim feierlichen Einzug zur Heiligen Messe, verwendet. Es datiert aus der Zeit um 1280 und gilt als eines der bedeutendsten frühgotischen Vortragekreuze in der Schweiz. Auf seiner Vorderseite zeigt es in der Mitte den gekreuzigten Christus und auf den Kreuzarmen die vier Evangelisten Johannes, Lukas, Matthäus und Markus. Es ist in Silber vergoldet ausgeführt und mit Edelsteinen und Glas geschmückt. Die Metallteile sind auf einem Eichenholzkern montiert.

Erste Datierung
Das Kreuz weist keinerlei Marken oder Zeichen auf, die eine Datierung oder örtliche Zuschreibung erlauben. Die Erste und bis heute einzige monografische Untersuchung nahm Albert Knöpfli in den Jahren 1948 und 1949 vor. Knöpfli datierte das Werk durch Stilvergleiche um 1280 und wies es ins Umfeld des in Freiburg in Breisgau tätigen Goldschmiede-Meisters Johannes, der auch für die dortige Kartause arbeitete. Knöpfli vermutete, dass das Kreuz deshalb zuerst in der Kartause Freiburg in Gebrauch war und erst nach der Verwüstung des Klosters Ittingen 1524 aus Freiburg übernommen wurde. Jüngere Abklärungen bestätigen die Datierung auf das späte 13. Jahrhundert, verweisen jedoch auf Konstanz als Herstellungsort.

Der kupfervergoldete Kreuzfuss, datiert von 1592, wurde von Johannes Renner in Wil hergestellt. Die Aufzählung von Reliquien in einer Inschrift dieses Kreuzfusses veranlassten Knöpfli zur Annahme, dass der Fuss ursprünglich für ein anderes Goldschmiedewerk, nämlich für ein Reliquiar hergestellt wurde. Nach Aufhebung des Klosters Ittingen 1848 fiel das Kreuz als erhaltenswertes Kulturgut an den Kanton Thurgau und wurde in Frauenfeld ausgestellt, seit 1960 im Historischen Museum Thurgau im Schloss Frauenfeld. Im Jahr 2009 ging es als Leihgabe für mehrere Jahre ins Ittinger Museum.
 
Erneute Untersuchung
Nach der Anfrage des Vorarlbergischen Landesmuseum drängten sich Abklärungen zum Zustand des Kreuzes auf. Dabei standen die Transportfähigkeit und die Reinigung im Zentrum der Untersuchung durch die Restauratorin Janina Hauser im museumseigenen Atelier in Frauenfeld. Was im gedämpften Licht der Ausstellungsräume nicht gleich zu erkennen war, zeigte sich im Atelierlicht: Das vergoldete Metall war partienweise oxidiert und bräunlich verfärbt. Janina Hauser entschied sich deshalb zunächst für eine gründliche Reinigung. Bei Manipulationen am Kreuz stellte sie fest, dass die obere Kreuzhälfte sich anders bewegte als der untere senkrechte Balken. Die Freilegung in diesem Bereich zeigte eine Bruchstelle unterhalb des Horizontalbalkens mit einer sehr unfachmännischen Reparaturplatte aus dem 19. Jahrhundert.

Zum Reinigen wurden Teile des Kreuzes und auch die Figur von Jesus Christus abgenommen. Dabei entdeckte die Restauratorin eine offene Fehlstelle im Rücken des Korpus, die den Blick auf eine lose dünne Messingplatte freigab. Durch sorgfältiges Anheben der Rückenpartiehälfte konnte das ovale Messingstück herausgenommen werden. Im Hohlraum des Korpus fand sich zur grossen Überraschung ein längliches, mit Messingdraht umwickeltes, feines, rötlich schimmerndes Seidenpäckchen. «Ich bin ziemlich erschrocken», schilderte Janina Hauser vor den Journalisten den denkwürdigen Moment.

Reliquienfund
Bald war ihr klar, dass das Seidenpäckchen zu lang und zu gross war, um es herausnehmen zu können. Das Risiko einer Beschädigung war zu hoch. Vermutungen liegen nahe, dass Reliquien darin eingeschlossen sind und somit das Kreuz mit dem Korpus einen Reliquiar darstellt. Damit wäre auch die Frage nach der Zusammengehörigkeit des Kreuzes und des Kreuzfusses geklärt, sind doch auf diesem in lateinischer Sprache verschiedene Reliquien und ihre Herkunft aufgezählt.

In der Folge wurden weitere Untersuchungen bezüglich Material des Kreuzes und Inhalt des Päckchens eingeleitet. Dabei wurde Wert darauf gelegt, möglichst zerstörungsfreie Methoden zu wählen, um die Materialien des Kreuzes in ihrer Substanz und in ihrem Zustand integral zu erhalten. Unter anderem wurde mit dem Schweizerischen  Nationalmuseum, der Kantonsarchäologie Liestal sowie dem Kantonsspital Münsterlingen (Computer-Tomografie von Korpus und Päckchen) zusammengearbeitet.

Trotz modernster Untersuchungsmethoden konnte das Geheimnis des Päckchens nicht gelüftet werden. Es wird weiterhin angenommen, dass es Reliquien enthält. Da es weder hervorgeholt noch geöffnet werden soll, können erst zukünftige Technologien Klarheit über den genauen Inhalt geben. «Geduld ist gefragt, bis es in der Entwicklung solcher  Methoden weitere Fortschritte gegeben hat», betonte René Schiffmann. Das Kreuz habe 800 Jahre überdauert, da wolle man ihm auch noch ein paar Jahrzehnte zugestehen, bis das Geheimnis gelöst werden könne. 

Fest steht gemäss Schiffmann, dass das Vortragekreuz zu rund 90 Prozent im Originalzustand des 13. Jahrhunderts erhalten ist. Geringfügige Eingriffe hätten später, insbesondere im 19. Jahrhundert, stattgefunden. Allerdings könne nicht mehr festgestellt werden, ob diese mit pragmatischen Mitteln getätigte Auffrischung im Umfeld der Transferierung vom Kloster Ittingen an den Kanton vorgenommen worden seien. Das Ittinger Vortragekreuz verdiene es, als herausragende Goldschmiedearbeit des späten 13. Jahrhunderts in der Ostschweiz nach 60 Jahren neu umfassend wissenschaftlich bearbeitet zu werden, erklärte Schiffmann. Dazu müssten allerdings nicht nur weitere technische Untersuchungen sondern auch intensive kunsthistorische Abklärungen erfolgen.

 
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