Kreuzlingen – Das für das Kreuzlinger EVZ zuständige Seelsorger-Team rief Ende September dazu auf, für die dort lebenden Asylbewerber/-innen Schals zu stricken. Die Resonanz auf den Aufruf überstieg sämtliche Erwartungen: Im Evangelischen Kirchgemeindehaus warten nun etwa 1000 Schals darauf, an Bedürftige verschenkt zu werden. - Stefan Angele
Hanspeter Rissi und Rita Bausch inmitten von unzähligen Schals.
«Die Resonanz auf unseren Spenden-Aufruf war schlicht überwältigend», so Diakon Hanspeter Rissi über die zahlreich eingesandten Päckchen. Gemeinsam mit Rita Bausch, Karin Flury und Stefan Matthias kümmert sich Rissi seelsorgerisch um die Asylsuchendenden im Kreuzlinger Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ). An Heiligabend bietet das ökumenische Seelsorge-Team den Asylbewerber/-innen die Möglichkeit, an einer Weihnachtsfeier im evangelischen Kirchgemeindehaus teilzunehmen. Um den Feiergästen ein kleines Weihnachtspräsent überreichen zu können, lancierten sie bereits im Spätsommer über die lokale Presse die Aktion.
Etwas Sinnvolles schenken
Den Seelsorgern war es dabei wichtig, dass die Asylbewerber etwas Sinnvolles erhalten sollten. Um Geschenke zu kaufen, fehlten jedoch die nötigen Mittel. «Das wäre schlichtweg nicht im Budget», attestiert Rissi. Viele Asylsuchende kommen indes ohnehin aus wärmeren Gegenden, wieso also nicht etwas Wärmendes für den Schweizer Winter? Rissi: «So manche kommen hierher und sehen zum ersten Mal in ihrem Leben Schnee.» Zwar erhält das EVZ das ganze Jahr über Altkleider-Spenden zum Verteilen, doch das ist für Rita Bausch etwas anderes: «Die Asylbewerber bekommen für einmal etwas Neues, das noch nie von jemandem getragen wurde. Und zudem ist es handgemacht.»
Niemals so viele erwartet
Zum Teil erhielten die Seelsorger auch gekaufte Schals. Diese werden jedoch nicht am Weihnachtsabend verschenkt, sondern im kommenden Jahr dann in die EVZ-Ausgabestelle gebracht. «Aus paritätischen Gründen verteilen wir nur Selbstgestrickte», so Bausch. Gerechnet hatten die Initianten der Aktion mit höchstens an die 150 Schals. Nun, da etwa sechsmal so viele eingingen, konnten einige Schals an andere Empfangszentren abgegeben werden, etwa nach Altstätten, Basel und Vallorbe. Auch der Verein Miteinander Valzeina (VMV) erhielt eine Sendung. Die restlichen Schals – ebenso wie die vielen Mützen, Handschuhe und Strickjäckchen, die eintrafen – gehen ebenfalls an das Kreuzlinger EVZ, um dort je nach Bedarf ausgegeben werden zu können.
Schals in allen Formen und Farben wurden gespendet.
Schals von Nah und Fern
Die Absender der Schals sind indes über die ganze Schweiz und sogar über die Landesgrenzen hinaus ansässig. Neben zahlreichen Spendern aus Kreuzlingen und den Thurgauer Gemeinden kamen Pakete teilweise aus Basel, dem Aargau und sogar aus Frankreich zu den Seelsorgern. Die Schals wurden teils persönlich abgegeben, teils per Post geschickt – manchmal auch anonym.
Von Rentnern über Frauengruppen, von Behinderten-Werkstätten bis hin zum Kaffee-Treff: Quasi von Überall kamen Päckchen mit Schals. Unheimlich viele Menschen fühlten sich angesprochen von der Aktion, setzten sich hin, nahmen das Strickzeug in die Hand und legten los. Jüngere Leute spendeten ebenso wie viele Ältere «Die Solidarität ging durch alle Altersschichten», meint Rita Bausch. «Eine junge Frau brachte einen Schal vorbei und sagte, den hätte ihre 95-jährige Oma gestrickt.» Eine Strickbegeisterte brachte es gar auf stattliche 70 Schals. Wie gross der Prozentsatz an männlichen Strickern ist, lässt sich zwar nicht sagen. Immerhin jedoch schlug sich Hanspeter Rissi tapfer: Er selbst brachte es auf fünf Schals.
Gemeinsamkeit erleben
Zur Weihnachtsfeier sind Asylbewerber gleich welcher Nationalität und Glaubensrichtung eingeladen. In den letzten Tagen sammelten die Seelsorger dafür fleissig Anmeldungen. Wieviele letztlich genau kommen, könne man im Vorfeld allerdings nur sehr schwer abschätzen. «Manche sind bis Heiligabend vielleicht schon wieder weg. Andere wiederum kommen erst kurz vorher und stossen dann eher spontan dazu», so Hanspeter Rissi zum Planungsstand. In jedem Fall können etwa 150 bis 200 Gäste verpflegt werden. Rissi: «Wenn mehr kommen, werden die Portionen halt etwas kleiner.» Als Menü gibt es Curry-Poulet-Geschnetzeltes mit Reis und Schokopudding, dazu gibt es «jede Menge Schoki, Nüssli, Mandarinli und natürlich: Coca Cola – das kommt fast am Besten an», so Rita Bausch. Für die Asylbewerber/-innen ist es auch deshalb ein besonderer Anlass, weil sie ausnahmsweise am Abend das EVZ verlassen dürfen. «Ansonsten können sie ja nur tagsüber vom Gelände», so Hanspeter Rissi. Neben dem Weihnachtsessen wird zudem das Evangelium gelesen, ein Weihnachtsfilm angeschaut und gemeinsam gesungen, ganz gleich ob Weihnachtslieder oder solche aus anderen Kulturen. «Das Miteinander ist entscheidend,» ist Rita Bausch überzeugt. Es gehe darum, einen besinnlich-fröhlichen Abend zu erleben und speziell zu Weihnachten ein Zeichen der Nächstenliebe zu setzen.
Spendenstatistik 2010
Vergangenen Montag veröffentlichte die Stiftung ZEWO (Schweizerische Zertifizierungsstelle für gemeinnützige, Spenden sammelnde Organisationen) ihre Spenden-Statistik für das Jahr 2010. Schweizweit wurden dieser zufolge rund 1,6 Milliarden Franken für wohltätige Zwecke gespendet. Das sind 7,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Spenden von privaten Haushalten haben um 16,4 Prozent zugenommen und belaufen sich auf 980 Millionen Franken. Dazu kommen übrige private Spenden in der Höhe von 620 Millionen Franken – eine Abnahme von 4,3 Prozent gegenüber 2009. Die Stiftung TEWO setzt sich für die Förderung von Transparenz und Lauterkeit im Spendenwesen ein. Dazu verleiht sie ein Gütesiegel an geprüfte Organisationen, welche regelmässig auf den gewissenhaften Umgang mit Spendengeldern kontrolliert werden. Jüngst erschien die jährliche Spendenbeilage der Stiftung in der NZZ am Sonntag und in der Sonntags Zeitung mit vielen Infos und Tipps rund um’s Thema Spenden. (klz)
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