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Sa. 13. August 2011 - 11:00 Uhr
Ziellose Umverteilung unter dem Umweltschutz-Deckmantel

Thurgau – Die Debatte über die SBB-Preise zeigt, dass der Bezug zu den tatsächlichen Kosten des Bahnfahrens abhanden gekommen ist. - Hermann Hess


 

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Als Kunden bezahlen wir im Durchschnitt lediglich 40 Prozent der verursachten Kosten (ohne Umweltbelastung durch Atomstrom, Elektrosmog, usw.). Für den Rest werden Steuergelder eingesetzt (insgesamt sieben Milliarden). Als Autofahrer bezahlen wir dagegen (unter den gleichen Einschränkungen) sogar über 100 Prozent unserer Kosten und finanzieren die Bahn mit. Niemand kann den „60-Prozent-Bahnrabatt“ überzeugend begründen. Umweltfreundlichkeit? Wir müssten den Fahrer eines Elektro-Autos gleich behandeln und ihm konsequenterweise sein Auto schenken (60 Prozent der Kilometerkosten entstehen durch Erwerb und Abschreibung). Rücksicht der Bahnfahrenden auf die Autofahrer? Von dieser Argumentation dürften viele Bahnbenützer nicht begeistert sein. Bessere Erreichbarkeit von Wohn- bzw. Arbeitsort? Dies hilft wohl dem Arbeitsmarkt, fördert aber die Zersiedlung des Landes. Wirtschaftliche Hilfe für die Schwächeren? Zwar fahren Schüler sowie bedürftige und alte Menschen günstig mit dem Zug, aber eben auch gutgestellte Kadermitarbeiter oder Rechtsanwälte oder reiche Senioren. Viele fahren auch Zug einfach zum Vergnügen. Umgekehrt sind die wenigsten Autofahrer reich, und viele von ihnen, auch Familien, dringend auf das Auto angewiesen. Wenn ich mit meinem Halbtax-Abo günstig Zug fahre, werde ich zum Beispiel von einem Handwerker, einem LKW oder einer Auto fahrenden Familie subventioniert. Sinnvoll? Da viele Bahnfahrer auch Autofahrer sind, könnte man sagen, dass es sich beim „60-Prozent-Rabatt“ um ein typisch schweizerisches Umverteilungs-Beispiel „Linke Tasche zu rechte Tasche“ handelt. Es gibt nur eine Gruppe von wirklichen Netto-Profiteuren, nämlich die Mitarbeitenden (und ihre Angehörigen) von Bahn, Post, Bundesverwaltung, privilegierten Betrieben, usw. Letztere kaufen die ohnehin viel zu günstigen GA mit zusätzlichen Super-Rabatten. Sogar ich selber könnte, als Präsident der Schweizer Bodenseeflotte, ein GA zu einem Viertel des offiziellen Preises erwerben. Starke oder extreme Verbilligung zugunsten von allen, asymmetrisch finanziert durch Steuern, und alles letztlich ohne überzeugendes Konzept: das Resultat sind immer mehr Bahnkunden (der sogenannte „Erfolg der Bahn“), immer grössere Investitionen und immer höhere ungedeckte Kosten zu Lasten der Steuerzahler. Die Moral von der Geschichte wäre, dass wir vermehrt zahlen sollten, was die Mobilität wirklich kostet – auch beim Auto, sofern nötig. Es ist nicht Aufgabe des Staates, die Mobilität zu fördern. Nur der wahre Preis lehrt den angemessenen Umgang mit einem Gut. Wir würden uns wachsende Probleme mit Bahn und Strasse ersparen, und auch die Zersiedlung würde gebremst. Wirklich Bedürftige müssten dafür, auf anderen Wegen als über den Preis, Kostenzuschüsse erhalten.

 
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